Friesentorte – wann ist sie richtig ?

von Petra Rolfs

schaeferei-reiterei-rolfs_friesentorte

Bei einer nachmittäglichen Hallo-Runde durch das Café der Schäferei bemerke ich an einem Tisch, an dem zwei ältere Ehepaare sitzen, ein halb aufgegessenes bzw. halb nicht gegessenes Stück Friesentorte. Da halbe Sachen in unserem Cafe eher ungewöhnlich sind, hat das ganz offensichtlich vernachlässigte halbe Stück Friesentorte sofort meine ganze Aufmerksamkeit.


Meine Frage: „Oh, hat es ihnen nicht geschmeckt?“ wird sofort mit: „Doch, das schon, aber das ist ja keine richtige Friesentorte“ beantwortet.

Ach nein? Liegt hier etwa ein Fall von Produktschwindel vor?

„Mein Mann ist Bäckermeister, der kennt da was von“, kommt die Erklärung vom Tisch. Aha, jetzt wissen wir, woher der Wind weht. „Wie schön, dann weiß er ja unsere gute Qualität zu schätzen“, versuche ich vorsichtig zu vermitteln zwischen Torte und Bäckermeister.

„Aber sie ist nicht richtig, der Boden ist falsch“, kontert der Bäckermeister, „der gehört nur aus Blätterteig“.

Ich muss kurz nachdenken. Hatte ich nicht das Rezept zu Beginn meiner Zeit als Cafébesitzerin dem Backbuch eines namenhaften Puddingpulver-Herstellers entnommen? Wusste der etwa nicht, wovon er schrieb? Oder schlimmer noch: Sollte mich dieser Puddingpulver-Hersteller arglistig getäuscht haben mit einem falschen Rezept einer Torte, die unter falschem Namen so lecker schmeckt?

Eine Frau vom Nachbartisch mischt sich lautstark ein: „Also, wissen sie was, das ist die beste Friesentorte, die ich kenne und nur wegen der komme ich hierher.“

Danke, denke ich und sage: „Die Dame ist nicht von mir bezahlt.“ Versuchsweise lache ich in die Runde. Mittlerweile beteiligt sich der komplette Wintergarten engagiert an dem Gespräch.

Nochmal ein letztes Aufbäumen des Bäckermeisters: „Sie ist aber nicht richtig so.“

Na gut, er will es so. Nun wird diskutiert, ob hier besser kundengeschmacksorientiert gebacken werden sollte oder sich an den vorgegebenen Bäckerethos gehalten werden muss. Die Diskussion droht zu eskalieren. Der Bäckermeister muss ja schließlich die Ehre einer ganzen Zunft retten an diesem sonnigen Tag im Café.

Ich versuche ebenfalls zu retten, was zu retten ist: Die Ehre der Bäcker, die Ehre meiner Torte und die Stimmung aller Kunden im Wintergarten. Also mache ich einen Vorschlag, der glücklicherweise die Wogen in allerletzter Sekunde glättet: „Die Torte könnte ja in Zukunft Rolfs-Friesentorte heißen.“

Der Vorschlag wird angenommen, behagliche Ruhe kehrt wieder ein im Wintergarten des Cafés. „Puh“, denke ich, „Glück gehabt.“

Aber bei der nächsten Hallo-Runde gehe ich trotzdem nicht stillschweigend an halbvollen Tellern vorbei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.