Morgens um halb vier…

von Petra Rolfs

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Ich liebe es, wenn möglichst viele Tiere um unseren Hof herum zu finden sind. Mein Mann hat auch keine Probleme damit, wenn die Tiere im Naturschutzgebiet oder auf den Deichen laufen. Ja, aber für unsere Gäste gehören die Schafe einfach hautnah zur Schäferei.

Heute Morgen um halb vier fällt einem Mutterschaf bei den ersten Lichtstrahlen auf, dass es sein Lamm verloren hat. Wie kann einem das erst um halb vier auffallen?!

Sie fängt an, es zu rufen: ‚Boäh, Boäh‘ – keine Antwort. Nun ruft sie etwas lauter. Durch den Morgennebel über den Weiden und dem Weizenfeld gegenüber klingt es, als hätte sie ein Megafon. Es ist wirklich laut.

Immer noch keine Antwort. Die Stimmlage des Mutterschafes verrät: Sie macht sich große Sorgen.

Nun selbst hellwach erinnert mich das Ganze an eine Szene in einem Heider Kaufhaus: Eine Mutter hatte ihr Kind verloren und die rufende Stimme nach Anton lies sofort bei allen die Alarmglocken schrillen. Bei allen anwesenden Müttern ging das Kopfkino los und wir sahen Anton entführt, verschleppt und für immer verschwunden.

Mein geschultes Auge für verloren gegangene Kinder entdeckte Anton dann beim Durchstreifen des Ladens in dem Blusenständer mit den Sonderangeboten. Ob Anton nicht hören wollte oder nicht hören konnte sei mal dahin gestellt. Er war einfach nicht auf Empfang.

So ähnlich ist es wohl gerade mit dem Lamm. Das Mutterschaf läuft zu Hochform auf. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ebenfalls geweckt stimmt der Hofhahn Caruso gleich mit ein, eigentlich ist er immer etwas später dran.

Die zukünftige Entenmutter Schnattchen vergisst völlig, dass ihre Küken noch im Ei sind, also gar nicht verloren gehen können und schließt sich der lautstarken Suche mit Riesengezeter an.

Nun muss eingegriffen werden. Ich schubse meinen Mann, den Schäfer, neben mir an und sage leise: „Da stimmt was nicht.“ Er brummelt: „Da hat nur ein Mutterschaf sein Lamm verloren.“ – Typisch!

Ich denke an den tiefen Vorfluter und die Füchse. Kleine Pause meinerseits.
„Sie kann es nicht finden“ schließe ich meine Argumentation. Von der Bettseite meines Schäfers kommt: „Es kann ja nicht weg sein.“

‚Männer…‘ denke ich, fast schon im Begriff, selbst aufzustehen und die Geschichte zu regeln. Nach 25 Ehejahren kennt mein Mann mich und weiß, nicht nur das das Schaf wird keine Ruhe geben sondern auch ich nicht.

Er steht auf, zieht sich an und verschwindet im Morgennebel ins Weizenfeld, um die Schaf-Familie wieder zusammenzuführen. Nach ganz kurzer Zeit haben sich alle wiedergefunden. Ich höre es noch ein bisschen hin und her blöken und dann ist Ruhe.

Caruso legt sich auch noch ein wenig auf sein Hahnenohr und der Ente ist wieder eingefallen, dass die Eier ja nicht weg sein können, sie sitzt ja drauf.

Mein Mann kommt, nass bis über die Knie – der Weizen war doch schon ein bisschen höher – knurrend zurück ins Bett und murmelt noch: „Einen Hang zum Drama habt ihr schon.“ Spricht’s, dreht sich um und schläft weiter.

Ich kann natürlich nach dieser Aufregung gar nicht mehr schlafen und denke darüber nach, wie wir Menschen bloß all die Jahrtausende überlebt haben, ohne uns zu Tode zu sorgen.

1 Kommentar

  • petrawenzel

    moin moin diese geschichte war wieder buchreif,
    sie kommt so rührend herüber,
    man muß sie zu ende lesen,
    wie immer top chefin……lg