Jonte, die Tänzerin auf dem Deich

von Petra Rolfs

Jonte-2015
Vor langer Zeit hat unsere „Lena“ als Schäferlehrling auf dem Hof angefangen und war damit für die Aufzucht der allerkleinsten Lämmer zuständig. In der Lammzeit gibt es immer kleine Schafe, die aus Drillingsgeburten stammen und deshalb der Mutter abgenommen werden, damit sie einen besseren Start haben. Warum ist das nötig? Ganz einfach – Lammmütter haben nur zwei Zitzen. Dann gibt es noch verwaiste Lämmchen, die den Anschluss verloren haben und vom Schäfer mit der Flasche aufgezogen werden müssen. Wir nennen sie die Flaschenlämmer oder Handlämmer.

Jonte war so ein ganz besonders kleines Miniaturschaf, absolut winzig, aber mit einem riesigen Lebenswillen. Lena nahm sich ihrer an und beschloss: Jonte sollte es schaffen. Aber besondere Ziele erfordern auch besonderen Einsatz…
Montags war immer Berufsschule für die angehenden Schäfer und Lena musste nach Meldorf zur Schule. Außerdem sollte sie dort an diesem Tag auch noch einen Vortrag halten. In der Schäferei ging es wie immer in der Lammzeit wirklich hoch her und Lena machte sich Sorgen, dass Jonte nicht alle zwei Stunden ihre wirklich dringend benötigte Milch bekommen würde. Gerade bei so kleinen Winzlingen sind viele kleine Mahlzeiten die einzige Chance zu überleben. Also nahm Lena das Lämmchen kurzerhand mit nach Meldorf. Hier sollte Jonte im Auto auf Lena warten und alle zwei Stunden wollte Lena zum Füttern raus gehen. Das war der Plan.
Allein gelassen im Auto fing das Lämmchen furchtbar an zu schreien. Auch ein kleines Lamm ist ja schließlich schon ein Herdentier… Ein vorbeigehender Passant hielt das Schreien für Kinderweinen und verständigte besorgt und auch ein wenig empört das Schulbüro. Minuten später ertönte per Schullautsprecher die Ansage, man möge das allein gelassene Kind sofort aus dem Auto holen. Lena rannte, um „ihr Kind“ zu holen. Im Klassenraum wich Jonte Lena nicht mehr von der Seite. Nur nicht wieder den Anschluss verlieren! So musste Lena ihren Vortrag mit dem Lämmchen auf dem Arm halten. Bei dem Vortrag ging es eigentlich um Weizen. Gelernt haben die Schüler an dem Tag aber etwas über Schafe und das blieb bestimmt in Erinnerung.

Als Jonte dann größer wurde, war sie oft Lenas ständiger Begleiter und der Star in den Kursen der Jahreszeitenwerkstatt. Sie ließ sich ausgiebig von den Kindern kraulen und war immer für ein Späßchen zu haben. Sie konnte gleichzeitig mit allen vier Füßen in die Luft springen und dann so komisch hopsen, dass immer alle lachen mussten. Bei einem kleinen Schaf sieht das wirklich putzig aus und alle feierten Jonte als Superstar, wenn sie mal wieder ihren „Schafstanz“ aufführte. Je größer und schwerer sie allerdings wurde, desto mehr Sorgen machten sich die Zuschauer, ob mit dem Schaf auch wirklich alles in Ordnung sei. Eltern nahmen vorsichtiger Weise kleine Kinder und Hunde auf den Arm, man weiß ja nie…

Jontes Superstar Allüren machten auch dem Hütehund bei der Ausübung seines Jobs Probleme. Schafe lassen sich von Hütehunden hüten, weil er ihnen durch den Blick signalisiert, er wäre ein Wolf und sie müssten sich fürchten. So lassen sich Schafe von dem Hütehund allein durch Blicke in verschiedene Richtungen bewegen. Jonte kannte den Hütehund richtig gut. War sie doch auf vielen Events zusammen mit ihm unterwegs gewesen. Und die Show muss ja schließlich weiter gehen: Ein Blick vom Hütehund und Jonte führte ihr Tänzchen auf. Tja…

Von anderen Schafen hielt sie wenig. Sie kannte Lena, den Hütehund, die Gästekinder und die meisten anderen tierischen Bewohner des Hofes von ihren Rundgängen durch die Ställe.

Als sie groß war, beschlossen wir, dass sie nun ein richtiges Schaf werden sollte und sich in der Herde wohlfühlen würde – wie alle anderen auch. Wir brachten sie in den Speicherkoog zu einer Herde, die wenig Menschenkontakt hat, damit Jonte nicht gleich den ersten Spaziergänger mit ihrem kleinen Schafstänzchen erschreckt und womöglich einen Polizeieinsatz auslöst. Als wir gingen, fühlten wir uns, als ob wir Jonte ausgesetzt hätten…
Doch Jonte fand wohl Freunde unter den Schafen, denn im Winter kam sie hochtragend mit der Herde nach Hause. Jonte übernahm auch im Schafstall als Mutter wieder ihre Rolle als Animateurin. Sie stand mit den Vorderbeinen auf der Schafshocke und lies sich kraulen, fraß Apfelgripse aus der Hand. Und moppte respektlos den Hütehund.
Inzwischen ist sie schon lange nicht mehr so zahm wie früher, sie ist ein richtiges Herdenmitglied geworden und eine gute Schafmutter. Sie baggert nicht mehr jeden Menschen an und tanzen sehen wir sie auch nicht. Wir glauben jedoch, dass manchmal, wenn es dunkel ist auf dem Deich und alles schläft in Büsumer Deichhausen, die Schafe bei Vollmond wilde Partys feiern: Dann tanzen sie alle Jontes Schafstanz!
Und hin und wieder kann sie es auch nicht lassen, Ausschau nach den Zweibeinern zu halten. So ganz verleugnen kann man die Jugendzeit dann doch nicht :)

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