Warum Kinder zuerst ohne Sattel reiten sollten

Manchmal sehe ich den Eltern ihre Frage schon an, bevor sie überhaupt etwas sagen: Sie schauen auf das Pony, dann auf ihr Kind, dann wieder auf das Pony – und irgendwann kommt sie: „Moment mal … ohne Sattel?“

Dann muss ich meistens schmunzeln. „Ja“, sage ich. „Ganz bewusst sogar.“

Denn wisst ihr was? Das Schwierigste am Reiten ist am Anfang gar nicht das Reiten. Es ist das Vertrauen.

Wenn ein vierjähriges Kind zum ersten Mal auf einem Pony sitzt, denkt es nicht darüber nach, wie die Beine liegen oder ob die Fersen tief genug sind. Es möchte einfach wissen: Fühlt sich das gut an? Kann ich diesem Pony vertrauen? Und trägt es mich wirklich?

Genau deshalb beginnt bei uns fast jedes Kind ohne Sattel – nicht, weil wir etwas weglassen, sondern weil wir etwas ermöglichen möchten.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) empfiehlt für den Einstieg ausdrücklich: „Erste Erfahrungen auf dem Pony sammelt das Kind am besten ohne Sattel mit einem Gurt und am Führzügel.“ Als Begründung nennt sie unter anderem, dass so Gleichgewicht und Vertrauen spielerisch gefördert werden.

Als ich diesen Satz vor einigen Jahren gelesen habe, musste ich lächeln – nicht, weil wir ihn abgeschrieben hätten, sondern weil er genau das beschreibt, was wir auf unserem Hof seit vielen Jahren erleben.

Ich vergleiche unseren Ponyclub gerne mit dem Schwimmenlernen. Bevor ein Kind das Seepferdchen macht, springt es schließlich auch nicht ins tiefe Becken und soll sofort eine saubere Brusttechnik schwimmen. Es darf erst einmal planschen, das Wasser kennenlernen, Vertrauen gewinnen und spüren, wie sich Wasser überhaupt anfühlt.

Glückliches Mädchen sitzt ohne Sattel auf einem Pony

Und genau das passiert bei uns auf dem Pony. Kinder müssen nicht sofort reiten lernen. Sie dürfen erst einmal erleben, wie sich ein Pony bewegt. Sie merken, dass der Rücken unter ihnen ganz sanft mitschwingt, dass jede Kurve ein kleines bisschen Balance braucht und dass sie gar nicht krampfhaft festhalten müssen, weil das Pony sie ruhig und gleichmäßig trägt.

Ganz nebenbei passiert dabei etwas Erstaunliches: Ohne darüber nachzudenken, beginnt der Körper zu lernen – nicht, weil wir es erklären, sondern weil Kinder genau so lernen.

Die FN bringt das wunderbar auf den Punkt: „Das Spiel ist die Lernform des Kindes.“

Und genau deshalb sieht unser Ponyclub manchmal eher nach Spielen als nach Unterricht aus. Das ist Absicht.

Denn wenn Kinder lachen, Geschichten erzählen oder unterwegs einen Schmetterling entdecken, vergessen sie oft, dass sie gerade etwas lernen. Dabei passiert in diesen Minuten unglaublich viel: Sie entwickeln Balance, bekommen ein Gefühl für Bewegung, lernen, dem Pony zuzuhören, und fangen an, sich selbst zu vertrauen.

Bei uns gehen die Eltern dabei immer nebenher. Das ist übrigens kein Zufall. Ein kleines Kind braucht am Anfang gar nicht in erster Linie einen Reitlehrer. Es braucht Mama oder Papa. Es möchte sich umdrehen können und sehen: „Du bist noch da.“ Genau dieses kleine Team aus Kind, Pony und Eltern gibt Sicherheit. Und Sicherheit ist die Grundlage für alles Weitere.

Warum wir auch auf den Voltigiergurt verzichten

Manchmal fragen Eltern auch, warum wir sogar auf den Voltigiergurt verzichten. Die Antwort ist ganz einfach: Unsere Ponys werden geführt, ein Erwachsener läuft direkt daneben. Deshalb möchten wir, dass die Kinder die Bewegung des Ponys möglichst unmittelbar erleben – sie sollen spüren, wie sich ein Schritt anfühlt, wie das Pony den Rücken hebt und senkt und wie weich ein ruhiges Pony eigentlich laufen kann.

Strahlender Ponyjunge ohne Sattel auf dem Pony

Natürlich sieht das am Anfang ungewohnt aus. Aber meistens dauert es keine fünf Minuten. Dann sitzen die Kinder plötzlich ganz locker da oben. Und die Eltern entspannen sich gleich mit.

In über fünf Jahrzehnten mit Pferden habe ich unzählige Kinder zum ersten Mal auf einem Pony gesehen. Und wisst ihr, woran ich mich später fast nie erinnere? Nicht daran, ob ein Kind den Fuß perfekt im Steigbügel hatte, und auch nicht daran, ob es die Hände richtig gehalten hat – ich erinnere mich an leuchtende Augen. An Kinder, die beim Absteigen fragen: „Darf ich morgen wieder?“ Genau dann weiß ich, dass wir alles richtig gemacht haben.

Denn der erste Kontakt mit einem Pony entscheidet oft darüber, ob aus einer kurzen Begeisterung eine lebenslange Liebe zu diesen wunderbaren Tieren wird. Und diese Liebe beginnt nicht mit einem Sattel. Sie beginnt mit Vertrauen.

Ich wünsche mir nicht, dass ein Kind nach der ersten Stunde erzählen kann, wie Reiten funktioniert. Ich wünsche mir, dass es nach Hause fährt und sagt: „Mama, das Pony hat mich getragen. Das war richtig schön.“ Denn alles andere können wir später gemeinsam lernen. Vertrauen dagegen wächst nur ganz am Anfang.

Petra Rolfs, Schäferei Rolfs

Häufige Fragen

Ist Reiten ohne Sattel nicht gefährlicher für mein Kind?

Das hören wir tatsächlich häufig. Die Antwort überrascht viele: Nein. Unsere Ponys werden die ganze Zeit geführt, ein Erwachsener läuft direkt daneben und wir wählen ganz bewusst ruhige, erfahrene Ponys aus. Ohne Sattel sitzen die Kinder oft sogar entspannter, weil sie die Bewegung des Ponys besser spüren und nicht gegen den Sattel arbeiten. Das Wichtigste ist ohnehin nicht der Sattel, sondern ein ruhiges Pony und eine entspannte Atmosphäre.

Ab wann bekommt mein Kind dann einen richtigen Sattel?

Sobald es Sinn ergibt – das ist bei jedem Kind unterschiedlich. Manche möchten nach wenigen Besuchen lieber mit Sattel reiten, andere genießen die ersten Wochen oder Monate ohne. Wir schauen uns jedes Kind ganz in Ruhe an und entscheiden gemeinsam mit den Eltern. Einen festen Fahrplan gibt es bei uns nicht – Kinder entwickeln sich schließlich auch nicht nach Kalender.

Braucht mein Kind trotzdem einen Reithelm, wenn es ohne Sattel reitet?

Unbedingt. Der Helm gehört bei uns immer dazu – ganz egal, ob mit oder ohne Sattel. Sicherheit ist keine Frage der Ausrüstung auf dem Pony, sondern eine Selbstverständlichkeit. Deshalb stellen wir auf Wunsch auch passende Leihhelme zur Verfügung.

Wie lange dauert diese Phase ohne Sattel bei euch?

So lange, wie sie dem Kind guttut. Unser Ziel ist nicht, möglichst schnell zum nächsten Schritt zu kommen, sondern dass Kinder Vertrauen entwickeln und sich auf dem Pony wohlfühlen. Erst wenn diese Grundlage da ist, wird alles andere ganz von allein leichter.

Was, wenn mein Kind sich ohne Sattel unsicher fühlt?

Dann hören wir genau hin. Manche Kinder möchten lieber erst einmal nur das Pony führen oder streicheln, andere fühlen sich mit einem Sattel tatsächlich wohler – und das ist völlig in Ordnung. Es gibt bei uns kein „Du musst“. Wir holen jedes Kind dort ab, wo es gerade steht. Schließlich soll Ponyreiten Freude machen und keine Mutprobe werden.

Warum nutzt ihr auch keinen Voltigiergurt?

Ganz einfach: Weil wir ihn in unserem Konzept meistens gar nicht brauchen. Unsere Ponys werden geführt und ein Erwachsener läuft direkt daneben. Wir möchten, dass die Kinder die Bewegung des Ponys möglichst direkt erleben und sich locker mitbewegen können. Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Gurt sinnvoll ist – für unseren Ponyclub haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass es ohne oft noch natürlicher und entspannter funktioniert.

Mein Kind möchte unbedingt mit Sattel reiten. Geht das bei euch auch?

Natürlich verstehen wir, dass manche Kinder am liebsten sofort „wie die Großen“ reiten möchten. Unser Ponyclub verfolgt aber ganz bewusst einen anderen Ansatz: Hier geht es nicht darum, möglichst schnell richtig reiten zu lernen, sondern darum, Ponys kennenzulernen, Vertrauen zu entwickeln und die Bewegung des Ponys ganz unmittelbar zu erleben. Deshalb reiten wir ohne Sattel – und wenn ein Kind einmal Halt braucht, darf es sich ganz selbstverständlich in der Mähne festhalten. Keine Sorge: Das tut unseren Ponys nicht weh und ist für sie völlig normal. Wenn euer Kind von Anfang an mit Sattel reiten und klassischen Reitunterricht bekommen möchte, dann ist unser Ponyclub wahrscheinlich nicht das passende Angebot. Dafür haben wir unseren Reitunterricht – dort geht es Schritt für Schritt um Sitz, Hilfen und alles, was zum Reitenlernen dazugehört. Ich vergleiche das gerne mit dem Schwimmenlernen: Unser Ponyclub ist die Wassergewöhnung, der Reitunterricht das Seepferdchen. Beides hat seinen Platz – nur eben nicht zur gleichen Zeit.

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